Über Open

Open: Immer wieder Muttertags

 

Es hat sich ergeben, der Anfang war noch nicht das unverwechselbare Spektakulum. Aber immerhin: In einem WCM-Gebäude waren zwölf plus vier Künstler präsent, gab’s „Offene Ateliers und Ausstellung“. Das war der relativ spontan entstandene Beginn einer unglaublichen Erfolgsgeschichte, entwickelt aus einer Akademie-Erfahrung: Man streiche die Wände und öffne die Türen …

Längst ist „Open“ nicht nur eine Annale Heidenheimer Kunst, sondern eine unverwechselbare, prächtig eigenwillige, sich verlässlich regelmäßig wiederholende Gruppenausstellung, die im weiten Umkreis ihresgleichen sucht.

Es ist gerade die „Open“, die zeigt, wie bunt und aufgeschlossen das früher oft als eher verschlafen wahrgenommene „Provinzstädtchen“ Heidenheim ist. „Open“ ist nicht nur beispielhaft als Manifestation einer schillernd offenen Kunstszene – sie ist dafür nachgerade paradigmatisch.

Sie zeigt, wie lebendig und kreativ das sich hier angesiedelt habende Künstlervölkchen ist. Und, mehr noch: Sie ist ein wunderbarer Beleg, wie zuverlässig, bei aller unberechenbarer künstlerischer Produktivität und dem klischeehaft immer unterstellten Hang zum Chaotischen, die Brenztal-Artisten sind.

Sogar einen ordentlichen Verein haben sie gegründet, der gewährleistet, dass die Lebendigkeit dieser Kunstschau, die jährlich massenhaft Interessenten und Neugierige anzog, auch nach 15 Jahren sich noch immer mit ungebremster Schau- und Gestaltungslust präsentieren kann.

 

Doch es war ja nie „nur“ der Reiz der Kunst, der in die „Open“ gelockt hat: die Räumlichkeiten hatten ebenfalls großen Anteil am Erfolg der Ausstellungen. Das war über viele Jahre die WCM, die vor „Open“ ein für Heidenheimer weitgehend geschlossenes Ensemble war. In diesem backstein- und durchaus auch glasgeprägten Zweckbau  am linken Brenzufer sich mit offenen Augen umschauen zu können, nun im doppelten Sinne des Wortes, war schlicht ein Vergnügen.

Die Württembergische Cattunmanufactor als Betrieb existiert schon längst nicht mehr; doch in ihrem baulichen Konglomerat zeigte sie sich noch immer als einstiger Großbetrieb, technischer und sozialer Pionier (Dampfmaschine, Kinderhort, Badehaus); nun wurde er Hort und Ort der Kunst, die teilweise ganz gezielt in die Location hinein entwickelt wurde.

Was ja immer ein Spezifikum der „Open“ war: raumbezogene Kunst war Anliegen und Lust vieler Künstler. Mit oft beeindruckenden Arbeiten – aus ganz unterschiedlichen Sparten. Nicht nur Bildende Kunst in allen möglichen Spielarten war vertreten. Oft auch Musik. Auch Kulinarik. Oft genug waren die „Open“-Tage, mit geöffneten Ateliers, Ausstellungen und Aktionen, wahre Gesamtkunstwerke – artistische Konzentrate ohne Vergleich.

Die WCM blieb, über viele Jahre, reizvolle Beherbergung der Gruppenschauen; dass es nie langweilig wurde, lag auch daran, dass die Künstler, mit der ihnen eigenen Neugier und Lust auf Erkundung neuer Wirkungsstätten, immer wieder neue Bereiche der WCM für ihr Anliegen öffnen konnten. Und die Kunst, wenn auch geschaffen von einem erfreulich wenig fluktuierenden Stamm von Künstlern, war ja ohnehin jedes Mal wieder eine neue. Und wenn man „Handschriften“ im auf den ersten Blick Disparatem feststellen konnte – um so besser.

 

Und dann kam die große Zäsur: Die Stadt hatte zunächst das südliche WCM-Areal erworben; und klar wurde: Die Künstler müssen raus. Ihre Ateliers und damit die „Open“-Plattform, gehen anderswohin. Und so gab’s, zum Abschied, 2010 eine „WCM open end“.

Die Stadt half, den künstlerischen Einschnitt abzumildern, indem es in der Neuffenstrasse Ersatzraum zur Verfügung stellte, der freilich, wie vorauszusehen war, nicht den Reiz der WCM entfalten konnte.

Aber die Künstler, nach wir vor organisiert im Verein „Schmelzofen e.V.“, machten aus der Not eine Tugend: Sie suchen sich seither jeweils eine unbekannte, bisher nicht für Kunst ausgewiesene Location. Und schrieben ihre Kunst den jeweiligen räumlichen Verhältnissen, ebenso aufwändig wie kreativ, auf ein Neues ein.

Man war gespannt, jedes Jahr, zu welchen Ergebnissen die „Findigkeit“ der Künstler führte. Und begeisternde Schauen an ungewöhnlichen Orten kamen zustande.

So 2011 im neu bezogenen Ateliershaus in der Neuffenstraße. Dann in den ausgesprochen eigenwilligen Räumlichkeiten der einstigen Zigarrenfabrik Schaefer im Schnaitheimer Hagen. Im Folgejahr in der ehemaligen Heidenheimer Kindertagesstätte.Und im letzten Jahr im stillgelegten Voith-Ausbildungszentrum Haintal.

2015, nach 15 Jahren, kehrt die „Open“ zurück in die WCM – doch jetzt in deren nördlichen Teil. Und wird, obwohl eine ganze Anzahl der Ur-„Open“-Macher immer noch aktiv sind, doch wieder ganz anders.

Im übrigen gab es immer wieder Momente, die, man sollte vorsichtig mit dem Adjektiv sein, doch hier mag es angemessen sein: „unvergesslich“ blieben. Oft waren das herrlich schräge Momente, Einlagen, Performances, Aktionen, Installationen. Etwa so eigenwillige Aktionen wie das Zeichnen auf bodenliegenden Papiergroßformaten; der Künstler, mit Stiftbrettern unter den Sohlen, wurde gezogen von einem Motorrad. Oder „Die Bürger von Kabul“ in der großen Halle. Oder die auf dem Boden liegende Zeichnung einer Moschee, umgeben von rohen Eiern.

Und das sind nur drei Beispiele. Die möglich waren dank ungewöhnlich großzügiger Räumlichkeiten wie etwa der großen Halle im „Florian“-Südbau, dank Sälen, Gängen, Treppenhäusern und anderen unalltäglichen Locations, die von den Stamm-Künstlern wie von zugezogenen Gästen immer wieder innovativ und kreativ in Beschlag genommen und beherzt bespielt wurden.

Und was ebenfalls zur „Open“ zwingend gehört: Der unmittelbare und sehr lebendige und meistens auch offene Austausch mit ja ganz unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten, die zwei Tage lang, terminlich immer orientiert am Muttertag, im Wortsinn „greifbar“ waren.

Was im übrigen immer auch in der Bevölkerung große und aktiv fördernde Unterstützung fand.

Möge weitere Kapitel der „Open“ noch lange geschrieben werden: Die „Open“ darf nicht schließen. Heidenheim würde sonst eine wunderbare, wunderbar bunte und doch bewundernswert verwurzelte kulturelle Attraktivität fehlen.

 

Dr. Manfred Allenhöfer